© 2019 By FERDY ANDRES

MEIN LEBEN MIT
MUSIK UND PFERDEN

– Kapitel 1 –

Ich bin als Bauernbub erwachsen geworden, hatte das Glück, am Tor zum schönen Emmental mit all den Tieren aufzuwachsen. Tolle Eltern zu haben, eine alte Gitarre geschenkt zu bekommen, Musik und Pferdegeruch zu lieben und dazu mit vier Schwestern zu leben, die immer singen wollten. Doch der Wind war rau, die harte Arbeit, die Schule, als Selbstversorger den Alltag zu bewältigen und zu verstehen, mit all den Vorgaben und Auseinandersetzungen. Erfolg hast du nur in der Gemeinschaft, zusammen sind wir stark. Leben und leben lassen, war das Motto, so wurde ich erzogen.

Damit hat sich auch schon früh der Weg meines ersten Berufes angebahnt. Wenn du als Bauernbub aufgewachsen bist, keine Möglichkeit hast, den Hof zu übernehmen, oder einfach keinen Bock darauf hast, Landwirt zu werden, so wie es ganz klar bei mir der Fall war, dann musste es doch wenigstens ein verwandter, währschafter Beruf sein. So wie Hufschmid, Zimmermann oder Metzger. Ich habe mich später für letzteres entschieden, und als mein erster Beruf die Metzgerlehre absolviert, in meiner vertrauten, ländlichen Gegend. Diesen Beruf zu erlernen habe ich nie bereut, da der Metzger und Fleischveredler bis zum heutigen Tag immer noch einen hohen Stellenwert in unserer Nahrungskette beinhaltet. Es ist doch das tägliche Leben, bis hin zu den Partys, all die schönen Feste und die Bankette, bis hin zu den Liebesnächten, es ist immer mit einem tollen Essen begleitet und nur du als Fachmann und Fleischveredler hast Kenntnis über jedes Stück Fleisch, angefangen bei der Fütterung, Haltung, ja Medikamente und Hygiene, bis hin zu den unendlich vielen Artikeln, die alleine durch deine Hand und dein Geschick verarbeitet und geformt werden, um dann als Endprodukt auf dem Teller zu landen.

Ich habe es immer als persönlich, schön, und respektvoll empfunden, als Fachmann und Person meinen Mitmenschen mein Produkt mit auf den Weg zu geben, dass es ihnen Kraft schenkt und das Wohlergehen erleichtert. Aber als Kind ist es schwierig, diesen Beruf zu verstehen.

Doch zurück zu meiner Kindheit, zu meinen Wurzeln. Als jüngster Spross und einziger Bub wurde auch ich nicht verschont. Es war oft krass, wie schwer die Arbeiten waren, wie oft wurde ich aus meinen Träumen gerissen, vielleicht empfindet man es als Kind noch mehr. Aufstehen, Stallarbeiten, Morgenessen, Waschen, Hopp, auf den Schulweg, und der war auch noch Dreiviertelstunden zu gehen. Zurück zu Fuss, kaum zu Hause, es gab kein Frei. Das Feld, die Tiere, der Garten, die Pflanzung und noch viel mehr. Ich hatte da noch Glück, vielleicht Bestimmung, Schicksal, weiss es nicht. Als Junge durfte ich zu den Pferden, das war wohl der Grund für mein späteres Leben. Es war doch ziemlich eine Herausforderung, in den jungen Jahren, ich denke mit wenigen Ausnahmen war es für alle Jungs gleich. Für mich hat es gereicht, auf diesem steinigen Weg meine Träume zu leben.

Wie oft habe ich den Abend herbeigesehnt, dass endlich die letzten Schatten vergehen. Um mich zu verkriechen in mein kleines Zimmer, in meine kleine Oase. Um meine alte Gitarre umzuhängen, und zu üben, zu üben, nochmals und nochmals, bis die ersten Melodien gedeihen und ich tief in mir diese warmen Klänge verspüre, wie ich doch in traurigen Momenten diese Gitarre so sehr liebte. Und langsam half sie mir, meine eigenen Lieder zu begleiten.

Das ist der Anfang meiner Musik. Die mich begleitet, überall wo ich bin, wo ich gehe, und irgendwann kommen da noch die vielen Pferde.

 

Mein Vater war Dragoner bei der Kavallerie, sein Dienstpferd, der Eidgenosse, hatte den Namen Kallauria. Ich kannte sie nur nach den Fotos, sie war sehr schön, eine schwarze Grazie. Sowas, sowas will auch ich einmal haben, sagte ich mir. Mit uns lebten durch alle meine Jugendjahre immer zwei Pferde. Das Arbeitspferd, ein Freiberger, und das Reitpferd, ein Warmblutpferd. Beide standen natürlich für die Zugarbeiten bereit.

 

Manchmal setzte der Vater mich auf den Rücken des Freibergerpferdes, später durfte ich auch auf das Reitpferd sitzen, mit all seinem Geschirr und Anhang. Und im Dasein des täglichen Kreises, ist es bis heute das Pferd, das mich begleitet, genauso, wie die Gitarre. Stolz, aufrecht und erhaben, Tag für Tag schritten die Pferde voran, mit klaren Augen, es war wohl das Auge, das mein Vater so schön beschrieb. Mal chillig, mal ängstlich-schreckhaft, dann wieder erhaben, trotzig und doch so verständlich und gefügsam. Ich begriff schon als Kind, wenn das Pferd dir mit den Augen deuten kann ja, wenn du in seinen Augen lesen kannst, dann wird es mit dir flüstern. Irgendwann ... irgendwann wenn die Zeit kommt, will ich das auch. Und der Tag kam. Kaum zu glauben, wie schnell es vorangeht, wie die Jahreszeiten verstreichen, und plötzlich kratzt meine Stimme tiefer, die Mädels sind nicht mehr doof und langweilig, das heisst, ich bin erwachsen geworden.

Kapitel 2 –

Unerschrocken, jung, mit Musik im Blut, die grosse Neugier, hinaus in die Welt, weg vom einfachen, einfältigen Bauernleben. Auch ihr Pferde müsst jetzt warten, ich will leben und geniessen. Musizieren, das ist mir lieber. Und bald spielte ich in meiner ersten Band. Zu meinem Erstaunen waren all die Musiker Instrumentalisten, keiner wollte singen, also wagte ich mich ans Mikrofon und gleich ist klar, dass ich die Leadstimme, also das Singen übernahm. Mit Stolz machte ich mich an die für mich sehr persönliche Herausforderung, du wirst jetzt Leadsänger in einer Band. Wow! Doch ahnte ich nicht, wie unendlich weit der Weg zu meinen Liedern noch ist.

Dreizehn Jahre stand ich mit Tanzbands auf der Bühne, bin durchs ganze Land gezogen, als Amateur Cover Band sind wir Wochenende für Wochenende mit all den Hits auf der Bühne, und als Sänger habe ich mich stets gut verkauft. Ich hatte richtig Spass an der Sache und fieberte dem nächsten Wochenende entgegen. Wir haben gutes Geld verdient, konnten die dicksten Autos fahren und an den Mädels mangelte es nicht. Also reichte es in diesem Zeitfenster nur noch für Beruf und Musik. Es war streng, Beruf, üben, Auftritte, immer wieder, wir waren ehrgeizig, machten es gut. Doch spürten auch wir unweigerliches Abnützungserscheinen, man kann es nicht leugnen, die Folgen der Jahre. Ich hatte es satt, immer nur Coverversionen zu singen, sind doch schon eigene Melodien und Texte in meiner Schublade. Kein Interesse, hiess es, nicht ein einziger Song wollte man anhören, keine Zeit, etwas Neues zu bearbeiten, nur die gängigen Lieder, und als Sänger hast du ab und zu auch noch den einen oder anderen Neider mitzunehmen. Also blieb es beim alten. Ich fange an, über mein Leben zu hadern, bin unzufrieden, unterfordert, brauche frische Luft. Dieser Glimmer, diese Scheinwelt, ich sagte, nein, das wars, ohne mich.

Dem Weinen nah, Verzweiflung pur, und nach Gründen suchend, ich ahnte es nicht, da traf ich sie. Die Jugend in ihrer Schönheit und das erste Mal in meinem Leben sah ich in zwei Augen, Lippen voll mit weissen Zähnen, ein Lachen das du nicht vergisst. Es ist die Frau, die dich einmal bedingungslos lieben wird, aber zu diesem Zeitpunkt wusste ich das noch nicht. Wir sahen uns wieder, jedes Wochenende, sie war immer dabei, mit unserer Band. Wir lassen es krachen, ich fühlte mich gut. Vergessen das traurige, jetzt hast du wieder Mut. Nach einigen Wochen rief sie mich an: „hey du, hast du Zeit? Ich hätte dir etwas zu sagen.“ „Na klar, komm“. Und da stand sie da, hier, ganz alleine vor mir, und sie sagte zu mir: „ ist das dein Leben, so wie du es führst?“ Ich zögerte nicht, sagte, „nein, ich möchte ein anderes Leben, das Leben nur mit dir!“ Tief schauten mich ihre Augen an, ihre Stimme klang seltsam und doch so wunderbar. „Ich gehe mit dir, wohin du auch gehst, wohin es dich führt“. Es war still, ich sagte: „ ich will nach Hause, habe Heimweh, ich will zurück, suche nach neuen Ufern, aber nur mit dir.“ Ich fühlte ein unbeschreibliches Glück, und als letztes flüsterte sie: „ich liebe dich, aber vergiss auch die Pferde nicht.“ Es ist der Beginn von tausend und abertausend schönster Momente. Es ist wie Musik.

Kapitel 3 –

 

Die Hazienda, die Pferde und ich

Nun stand ich da, die Familie im Gepäck. Einzigartig, der Sonnenuntergang, hinter mir das grosse, leere Haus, umgeben von all den hügeligen Emmentaler Wiesen. Eingebettet wie ein Hufeisen, der riesige Topp Wald, ich halte inne, sehe einen Augenblick die Sierras von Argentinien. Ja diese Estancias, spüre Fernweh. Und bevor es Nacht wird, ist mir klar: HAZIENDA. Ab morgen ist dein Zuhause die Hazienda vom Emmental. Ich warf meinen Blick zurück ins dämmernde leere Haus. Ihr lieben Pferde, ein schönes Zuhause sollt ihr bekommen, jetzt gehen wir ran. Und der Morgen kam.

Es wird gebaut, gezeichnet, geplant, gearbeitet, geschuftet, Tag und Nacht. Auf die Stunden hin, dass die ersten Pferde ihr neues Zuhause beziehen. Und der Tag kam, stark, eindrücklich, ein schöner und guter Moment. Unvergesslich, dieser Augenblick. Willkommen auf der Hazienda!

 

Ein neues Zuhause ist geboren, und viele Pferde erobern die Weiden der Hazienda und mit ihnen auch der Klang von neuen Liedern. Vergessen der Schweiss, das Verlieren, bin oft im Weinen aufgestanden um es wieder hinzukriegen. Längst wurde mein Hobby zum Beruf, und auch nach vielen Jahren, der Geruch und das Wiehern mich ruft.

 

Der schützende Wald sich wie eine riesige Hand über uns neigt, da fühle ich mich daheim. Ich habe diesen Wald tausend, und tausend Mal durchritten. Wenn ich mich darin bewege, nur das Schnaufen und den Hufschlag des Pferdes höre, wenn sich im Morgentau mit all den Tieren meine Wege kreuzen, in der Abendstimmung durch die Lichtungen und deinen Schatten reitest, dann sind es die Elfen und Feen, die spielen und dich berühren. Und wie tiefer du diese Wege reitest, wie näher kommst du an die Geschichten der Sagen und Koryphäen, die bis hin zur wilden Jagd sich vermischen. Entlang den kleinen Wasserstellen, mit all den vielen Blättern und Sträuchern, oh wie viele Augen und Mystisches wird sich wohl dahinter verbergen.

Und ich bin mittendrin, darf es immer und immer wieder neu erleben. Den Galopp zurück, die vertrauten Wege und am Ende des Waldes vor der Hazienda stehe, dann komme ich gerne nach Hause, dann ist es die Kraft tief in mir. Dann ist es wie Musik, wie ein Teil von einem Lied. Ich habe das Glück, all die Momente weiterzugeben, an Gross und Klein, so viele leuchtende Kinderaugen, die inmitten von vielen Pferden, Stunden, Tage, Wochen auf deren Rücken verweilen. Und wenn man bedenkt, dass zur selben Zeit, genau solche Kinder in unserer Welt so unendlich viel leiden, dann bin ich stolz, ein Teil der lebenden Zeugen dieser grossen Pferdegeschichte zu sein.

 

Das Lied

«Dis Pferd mi Fründ»

Dieses Lied soll klingen zu all den Pferden, Kinder, Frauen, jene Menschen die sie einfach lieben. Sie haben längst ihre eigene Geschichte geschrieben, aber sie mögen es mit all den Menschen eine neue zu schreiben, die spüren, was Freundschaft und Vertrauen heisst.

Und wenn ich so schreibe, die Musik, und ich es fühle so gut wie es auch ist, dann soll es sie geben, die Tage wie diesen, ja dann soll es leben, denn dann ist es Musik.

 

Wir sehen uns wieder, natürlich mit Pferden, Texte, Melodien und neuen Liedern, all dies im nächsten Kapitel

 

Bis bald, tschüss,

Ferdy Andres

 

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Ferdy Andres 

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